SECHS JAHRE DICHTERTREFFEN IM HAUSE RULAND, KURFÜRSTENSTRASSE 19

- ein Kapitel zum Thema Literatur und deren Vertreter in der Bundeshauptstadt 1979 bis 1985 -

Irgendwann im Herbst 1978 hatte Ludwig Verbeek, Sprecher der Bezirksgruppe Bonn, im Verband der Schriftsteller (VS) mit mir darüber gesprochen, wie schwer es doch sei, in Bonn einen Raum zu finden, wo man keine Miete zahlen müsse, keinem Verzehrszwang unterliege und einander neue Produktionen vortragen könne. Man stelle ja gar keine Ansprüche, aber es sei gut, wenn der Raum so liege, dass er auch von Auswärtigen verhältnismäßig schnell zu erreichen sei.

Mit diesem Gespräch begann die Verbindung zwischen dem VS und dem Hause, die nur deshalb beendet wurde, dass der Arzt mir mancherlei rigoros und sofort verbieten musste.

Im so genannten Hobbykeller der Kurfürstenstraße 19 sahen wir uns am 8. Februar 1979 erstmals. Mit zeitlichen Abständen stolperten die Einzelnen an diesem Abend ins Souterrain, wo ein kleiner Ofen Wärme spendete und Sitzgelegenheiten aus Stühlen, aber auch aus Kisten, hölzernen Verbindungsbrettern, kurzum aus Provisorien hergerichtet wurden. 14 Personen waren wir an diesem Abend in dem Raum, dicht aneinandergedrängt saßen wir. Ludwig Verbeek, der Initiator, Anita Heyden, unsere spätere Schriftführerin, Jutta Gehring, Helma Cardauns, Vilma Sturm, Hans Stiehl (alias Stilett), Egbert Verbeek, zwei Personen, deren Namen ich leider nicht aufgeschrieben habe, und ich. Höhepunkt dieses Abends war das siebenbürgisch-rumänische Nationalgericht "Palukkes", das Frieder Schuller und Annelies Lennartz gegen 22.00 Uhr heranschleppten. Wir erhielten die etymologische Deutung dieses Wortes, die Verschmelzung von Paul und Lukas und aßen Mengen von der Speise, während Frieder rumänischen Wein reichte. Dann las er einige Gedichte. Wir waren begeistert, vor allem von dem packenden Vortrag. Eben erst, zum Teil durch die Vermittlung von Günter Grass, aus Siebenbürgen nach hier gekommen, spürten wir in diesen Gedichten das persönliche Schicksal. Unter dem Titel "Paß nach Transsilvanien" erschienen Schullers Gedichte gegen Ende des gleichen Jahres.

Der Verleger war Wolfgang Henrich, der zeitweise auch zu den Dichterabenden kam, seinen Verlag Urheber-Verlag nannte und die bei ihm verlegten Bücher hervorragend betreute, aber leider niemanden fand, der für angemessene Werbung und Verkauf gesorgt hätte. Das Kapitel Verleger! Kein Abend von den insgesamt 60 Abenden in den sechs Jahren, worin das Thema nicht angeschnitten worden wäre.

Nicht alle Abende verliefen mit einer Erstaufführung. Aber alle verliefen mit bleibenden Eindrücken. Das Publikum wechselte ständig, d.h. der Bonner Kern bildete eine Art Kristallisationspunkt, der Abend für Abend neue Kristalle anschoss. Ludwig Verbeek erreichte es durch eine geschickte Regie, dass immer Gäste zu dem Kreis fanden, in dem sie lasen. Dadurch wuchsen die Erfahrung und unser Selbstvertrauen.

Bereits Veröffentlichtes wurde so gut wie nie gelesen. Es musste und sollte Originales, Neues sein. Der erste abendliche Gast war jahrelang Alfred Voigt aus Brühl. Da er mit der Bahn anreiste, war er sehr pünktlich. Oft genug saß er bereits gute zehn Minuten, ehe die nächsten eintröpfelten. Leider musste er auch wegen der Zugverbindungen als Erster wieder gehen. Seine Gedichte, wie auch die des "Alterspräsidenten" Th. Jörg, konnten noch mit gebundenen Formen arbeiten. Die jüngeren Autoren verzichteten allesamt darauf. Die herkömmliche Form, ein interessantes Phänomen, schien in ihren Augen gar nicht mehr vorhanden zu sein.

Lyrik stand im Vordergrund. Manchmal entstand aus einem Leseabend ein regelrechtes Seminar, besonders als Johannes Heinrichs vom Niederrhein in den Kreis eintrat. Da Ludwig Verbeek immer wieder den Primat der Lyrik in diesem Kreis betonte, spielte tatsächlich diese Dichtungsgattung die Hauptrolle. Verhältnismäßig spät kam es zur ersten Prosa-Lesung. Das war Hans Schafgans, der damals die spitzbübisch gehaltene Erzählung Wilhelm (Tell) und Judith vorlas, die einander im Jenseits begegnen.

Gedichte mussten zweimal gelesen werden, ehe sie besprochen wurden. Irgendetwas an der Form, am Inhalt, am Stil hatte die Aufmerksamkeit eines Anwesenden geweckt und ihn fragen lassen. Damit begann gewöhnlich die ernste Auseinandersetzung über das soeben Gehörte. Es konnte schon ein Abend darüber hingehen. Längst nicht immer kam der Vortragende unbehelligt davon. Man war unter sich und unter Freunden, da fiel das Urteil ehrlich und oft richtig hart aus. Vielleicht war es diese Art, die manchen, der Kritik nicht ertragen konnte und wollte, nur einmal kommen ließ und dann nie mehr.

Dank dieser tatsächlichen Werkstattstunden hatten wir immer neue Gesichter in unserem Kreis, die dort vortrugen und somit die Arbeit belebten. Manche kamen von weither und hielten uns jahrelang die Treue. Karl Kassing aus Neuß, Monika Feth aus Erftstadt oder Monika Lamers aus Kircheib oben auf dem Westerwald hatten besonders im Herbst und Winter regelrechte Fernfahrten auszuführen. Aber es sprach für den Kreis und die Arbeit, den Austausch, die darin geleistet wurden. Vielen merkte man die Freude an, einmal im Monat unter Menschen zu sein, denen es genau wie ihnen selbst um Dichtung, um Literatur ging.

Gewöhnlich wurden zu Beginn der Sitzung Termine und Ereignisse bekannt gegeben. Lesung Bonner Autoren, Teilnahme am Bonner Sommer, Lesungen im Rhein-Sieg-Kreis und anderenorts. Teilnahme an Bezirkstagungen des VS in Nordrhein-Westfalen, doch auch die Jahresmitgliederversammlungen des Gesamtverbandes in der IG Druck und Papier mit allen Auseinandersetzungen weltanschaulicher Art konnten oft eine Stunde vergehen lassen. Dann aber klatschte der Vorsitzende in die Hände: "Freunde, wir wollen uns noch was anhören, wer liest heute? ---"

Oft genug ging es um das Schicksal der "Kribbe", jener Bonner Vierteljahresschrift für Literatur, Kunst und Wissenschaft, die von Ludwig Verbeek ins Leben gerufen worden war und damals von ihm, Ernst-Edmund Keil und Annelies Lennartz herausgegeben wurde. Ludwigs Bruder Egbert brachte die auflockernden Graphiken ein. Eines Tages kam ein wütender Brief an den Vorstand des VS, worin ein Rainer Maria XYZ sich über die, wie ihm schien, erdrückende Vormundschaft der Verbeek Familie im Bonner Literaturbetrieb beschwerte. Er wurde zur nächsten Sitzung eingeladen, erschien auch, hielt es aber augenscheinlich unter seiner Würde, eigene Erzeugnisse vorzutragen.

Die "Kribbe" fristete noch einige Zeit ihr Leben. Henrich verlegte zwei, drei Nummern, ein Mehlemer Druckereibesitzer folgte ihm, aber die Bezieherzahl war zu niedrig, um eine solche Zeitschrift zu tragen. Schade. Damit hatte Bonn als Stadt eine Möglichkeit verspielt, eine ernst zu nehmende Zeitschrift für Kunst und Literatur zu haben.

Im Herbst 1979 stieß die "Spott-Drossel" Karin Hempel-Soos zu dem Kreis, die jetzige Vorsitzende im VS. Ganz ohne Zweifel ließ ihre Anwesenheit den Ton im allgemeinen noch kritischer werden, aber das bekam der Runde offensichtlich, obwohl, auch das war nicht zu verkennen, Auseinandersetzungen, die an ihren Rändern ins Politische übergingen, in mancher Frage den Kreis in Gruppen teilte.

Anfang April 1980 erschien das "Erste Bonner Lesebuch", das ich gemeinsam mit Wolfgang Henrich herausgeben konnte. Es erschien im Urheber-Verlag, fand eine wohlwollende Aufnahme, litt aber dann, wie die anderen Produktionen des Urheber-Verlags, an mangelnder Publizierung. Im Wesentlichen bestand der Inhalt des Lesebuches aus Beiträgen unserer Runde sowohl in Lyrik als auch in Prosa. 19 Autoren, die allesamt bereits veröffentlicht hatten, stellten Originalbeiträge zur Verfügung. Gemeinsam mit den von Hans Schafgans hergestellten Portraitaufnahmen wird dieser Band bereits in wenigen Jahren ein Zeugnis sein für die Autoren und für die Bestrebungen, Bonner Literatur, also nicht Literatur über Bonn, vorzuweisen.

Manchmal kamen Gäste von auswärts, zum Beispiel der Mundartdichter Ludwig Soumagne aus Neuss-Norf, der im Gärtnerhaus an der Baumschulallee las oder Wilhelm Schäferdiek aus Siegburg.

In mehr oder minder großen Abständen hatten wir Gäste aus dem Ausland bei unseren Abenden. Wie hörten wir hin, als einmal ein junger Russe seine Hymnen in Russisch vortrug, mit gewaltigem Pathos und rhythmischen Bewegungen. Einer unserer letzten Besucher war ein Kurde, der für die nationale Literatur, und damit Kultur, seines unterdrückten Volkes sprach.

Eine Zeitlang wurden bestimmte Dichtungsformen herausgestellt. Frau LothDetige, die uns leider bald verließ und sich von Bonn verabschiedete, und Hans Stilett widmeten sich den "Haikus", die sie aus der japanischen Dichtung kennen gelernt hatten. Science fiction Romane wurden in Auszügen vorgelesen, Satire und Ironie getrieben.

Bei so manchen Abenden lagen neue Veröffentlichungen aus, die zum Selbstkostenpreis den Werkstattbesuchern überlassen wurden. "Werkstattabende", so nannten wir die Zusammenkünfte. Immer waren junge Begabungen dabei, die sich freuten, hier vorlesen zu können. Erst, wenn die Anforderungen des Semesters zu groß wurden, blieben sie weg, um am Ende des großen Paukens wieder aufzutauchen.

Martin Kaiser, Boris Schafgans, Martin Meyer, Carsten Wettreck, Michael Wieseler müssen als Vertreter des Nachwuchses benannt werden. Einer der Getreuesten war Volker Grimm.

Die Namen aller zu benennen ist unmöglich, weil das Gedächtnis sie nicht alle behalten hat. Einer genaueren Erforschung der ganzen Runde werden später sicher Anita Heydens akkurat geführten Anwesenheitslisten zu Hilfe kommen. Wolfram Dorn beehrte uns hin und wieder, Gerd von Paczenski und Frau Anne Dünnebier waren da schon regelmäßiger, Monika Feth, die unendlich aufmerksam zuhören konnte und Frau Ellen Bleibtreu-Conradi, die damals an ihrem Schillerbuch arbeitete. Geo Th. Mary darf ich nicht vergessen, wie auch die Herren Herbert J. Becher und Leopold Turowski, die vor allem Drang nach der Literatur Lateinamerikas mitbrachten. Dietmar Jovy und Alard von Schack, Herrad Schenk kamen, aber sehr, sehr selten. Vielleicht fanden die älteren Herren unsere abendliche Runde zu unbequem, zum Beispiel was die Sitzgelegenheiten angeht, obwohl wir längst in die eigentlichen Räume des Erdgeschosses eingezogen waren, oder aber sie wurden durch Vorlesereisen und Arbeiten abgehalten. Ein Name darf auf keinen Fall vergessen werden - Paul Hubrich. Vielleicht besaß dieser Mann, dessen "Augenblicke eines Schreibnachmittages" kurz vor seinem plötzlichen Tode erschienen, die stärkste dichterische Kraft in unserem Kreis. Wenn er doch nur in der Lage gewesen wäre, sich selbst an die Zügel zu nehmen.

Eine Affäre beschäftigte uns lange und ausgiebig. Sie erschien in unseren Augen symbolisch für die schnell, auf manchen Gebieten allzu schnell wachsende Bundeshauptstadt Bonn. Wer den jungen Verleger XY zum ersten Mal in die Werkstattrunde eingeladen hatte, weiß ich nicht. Genug, er war eines Abends im Keller, berlinerte deutlich, was uns Rheinländern interessant vorkam und gab große Versprechungen. Er wolle alles, das es wert sei, drucken. Und in der Tat setzten sich die Maschinen nach wenigen Wochen in Gang. Mit wie vielen Dichtern unserer Runde hatte XY binnen kurzem Verträge und Veröffentlichungen. Der Verlag, GHM (Gestern, Heute, Morgen) benannt, warf die Bändchen seiner Edition Parnaß nur so auf die Ladentische. Ernst-Edmund Keil fungierte als Lektor. Mary, Keil, Helma Cardauns, Schafgans legten bald die Produktionen vor oder erwarteten den Ausdruck ihres Opus. Es war ein richtiger Rausch, der viele ergriffen hatte, und man sollte sich nicht schämen, das einzugestehen. Jeder, der schreibt, möchte gedruckt werden, und das Gefühl, ein selbstverfasstes Buch, gut ausgestattet und säuberlich gestapelt auf den Tischen der Buchhändler zu sehen, ist nicht leicht zu ersetzen. Allerdings ging einigen Mitgliedern der Werkstatt das Ganze doch zu schnell. Nach und nach setzen die Zweifel vermehrt ein, besonders als man merkte, dass die finanziellen Verpflichtungen XYs sehr locker gehandhabt wurden. Wahrscheinlich hatte der junge Mann seine Möglichkeiten überschätzt, denn immerhin stand hinter den Drucken eine Druckerei, deren Arbeit bezahlt werden musste. Als erster spürte Ernst-Edmund Keil die Folgen XYscher Selbstüberschätzung. Das vereinbarte Gehalt kam zögernd und unvollständig. Muss man das weitere noch berichten? Bald darauf hatten einige Bonner Rechtsanwälte neue Klienten, und das schreibende Bonn hatte seinen ersten Skandal, der lange Zeit Stoff zu Gesprächen gab. Wer auf den Einfall käme, das kleine Schauspiel literarisch wiederzugeben, würde einen guten Einblick in die Szene eröffnen.

Auf zwölf Personen kam die Werkstatt allemal. Wenn es mehr als 20 wurden, dann war der Platz wohl etwas schmal, aber es ging immer. Darüber wurde nie auch nur ein Wort verloren. Wenn es zu Debatten kam, dann über das Vorgetragene oder auch um die Einschätzung zeitgenössischer Literatur. Darin waren wir uns längst nicht immer einig. Da kamen ganz eigene Ansichten zu Tage. Zum Teil sehr originell.

Aber wenn Persönlichkeiten zusammentreffen, dann bringen sie eben ihre Eigenarten mit. So war es auch in unserer Werkstattrunde. Ein paar Eigenarten kann man ruhig zum Besten geben, geben sie doch einen Teil der Atmosphäre wider, die unsere Abende prägte.

Die Bewirtung war einfach, denn meist brachten mehrere etwas zu trinken mit, das dann untereinander geteilt wurde. Der eine bevorzugte roten Wein, ein anderer Wasser, Saft wurde gerne getrunken, herber Weißwein ebenfalls. Mengen waren es nie. Schließlich galt ein kühler Kopf mehr, besonders wenn es in die Debatten ging. Auch geraucht wurde mäßig, wobei wir schnell feststellten, dass Annelies Lennartz dünnstängelige Zigarillos genoss.

Josef Kempen vertrat den Mundartanteil in der Werkstatt. Um das zu unterstreichen, las er gerne kurz vor Eintritt in den eigentlichen Abend neue Kostproben. Da er ein Sprachgenie ist, konnte er eine Übertragung ins Französische, ins Niederländische oder ins Englische gleich dazu geben.

Einen Gast hatten wir stets dabei, der niemals ein Wort sprach, uns jedoch aufmerksam beobachtete, nur hin und wieder winselte, wenn er "äußerln" musste. Das war Kafka, der Hund von Hans Schafgans. Und noch eins. Wir alle genossen das Schauspiel Abend für Abend. Mit schöner Regelmäßigkeit traf Hans Stiehl als letzter Teilnehmer ein. Manche Abende waren eigentlich beendet, als er kam, aber dann flammten die Diskussionen abermals auf. Wenn das eintrat, konnte es leicht auf ein Uhr in der Nacht zugehen. Die Ersten waren dann längst gegangen.

Ein Ereignis muss noch berichtet werden. 1982 beging Deutschland den 150. Todestag Goethes. 1949 hatte an der Universität Bonn ein Lyrikwettbewerb stattgefunden zu Ehren des 200. Geburtstages Goethes. In Anlehnung an den damaligen Wettbewerb rief der Verband der Schriftsteller gemeinsam mit dem ASTA, dem Rektorat und der Stadt Bonn zu einem abermaligen Wettbewerb unter den Studenten auf. Unser Kreis hatte die Idee gehabt, sie konsequent verfolgt und rechtzeitig durchgesetzt. Knapp 100 Einsendungen in Lyrik und Prosa gingen ein, darunter ganz hervorragende Arbeiten. Die Ergebnisse wurden in Lesungen und in einer Veröffentlichung vorgestellt, die Ehrung der Preisträger in der Universität feierlich begangen.

Unsere Gruppe hatte den Anstoß gegeben, wir alle durften uns den Erfolg und seine Auswirkungen zuschreiben. Ich meine, das sei schon etwas, darauf könne man stolz sein.

Wir alle dürfen hoffen, dass die Arbeit in diesem Sinne weitergeht.

Das wünscht dem VS, den Teilnehmern
und Anteilnehmern der Werkstatt-
abende mit dem gleichzeitigen Dank
für die Aufmerksamkeit des VS in
der Bonner lokalen Presse
das Haus Ruland.


Juni 1985
Cornelia und Josef Ruland
©1985 Cornelia und Josef Ruland